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🛡️Physische Sicherheit für Rechenzentren

Anforderungen, Schutzklassen und normative Lücken im Perimeterschutz

Warum physische Sicherheit in Rechenzentren entscheidend ist

Rechenzentren sind das Rückgrat der digitalen Infrastruktur. Sie beherbergen kritische IT-Systeme, speichern sensible Daten und sichern die Verfügbarkeit geschäftskritischer Prozesse. Ihr Schutz ist daher nicht nur technisch erforderlich, sondern zunehmend auch gesetzlich vorgeschrieben. Mit dem geplanten KRITIS-Dachgesetz sowie europäischen Vorgaben wie NIS2, dem Cybersecurity Act oder der CER-Richtlinie rücken auch physische Sicherheitsmaßnahmen stärker denn je in den Fokus.

Die Gründe sind klar:

  • Schutz vor unbefugtem Zugang:
    Kontrollierter Zutritt, Überwachung und physische Barrieren verhindern Manipulation, Spionage und Datendiebstahl.
  • Absicherung gegen vorsätzliche Angriffe:
    Robuste Sicherungssysteme bieten Widerstand gegen Vandalismus, Sabotage und terroristische Angriffe.
  • Minderung von Umweltrisiken:
    Bauweise und technische Infrastruktur schützen vor Brand, Wasser, Staub und anderen äußeren Einflüssen.
  • Einhaltung gesetzlicher Vorgaben:
    Verstöße gegen gesetzliche Anforderungen können zu hohen Strafen und Reputationsverlust führen.

Die EN 50600 als normative Grundlage

Die EN 50600-Normenreihe legt Anforderungen für Planung, Bau und Betrieb sicherer, zukunftsfähiger Rechenzentren fest. Sie richtet sich an Planer, Errichter und Betreiber gleichermaßen.

Aufbau der Normenreihe:

  • EN 50600-1: Allgemeine Grundlagen, Begriffe, Klassifikationssystem
  • EN 50600-2-x: Bauliche Anforderungen für Stromversorgung, Kühlung, Netzwerk & physische Sicherung
  • EN 50600-3-x: Management und Betriebsprozesse
  • EN 50600-4-x: Energie- und Ressourceneffizienz mit geeigneten Metriken

Zentrale Klassifikationen erfolgen in drei Stufen:

  • Verfügbarkeitsklassen (Availability Class)
  • Schutzklassen (Protection Class)
  • Energieeffizienzklassen (KPIs)

Fokus: Schutzklasse und physische Sicherungssysteme

In EN 50600-2-1 und EN 50600-2-5 werden Anforderungen an physische Sicherheit konkretisiert. Dabei dient das Zwiebelschalenmodell als Leitprinzip: Schutzbereiche werden von außen nach innen gestaffelt, mit zunehmendem Sicherheitsniveau.

Freistehende Barrieren wie Zäune, Drehkreuze oder Schranken bilden typischerweise den äußeren Perimeter der Schutzklasse 1. Laut EN 50600-2-1 sollen sie eine Einbruchhemmung gemäß EN 1627 aufweisen.

Die normative Lücke: EN 50600 vs. EN 1627

Problem: Die EN 1627 gilt explizit nicht für freistehende Barrieren. Konkret bedeutet das:

  • Zäune, Drehkreuze, Schranken sind vom Anwendungsbereich ausgeschlossen
  • Eine Zertifizierung nach EN 1627 ist für solche Bauteile nicht möglich
  • Die in EN 50600 geforderte Einbruchhemmung ist somit formal nicht erfüllbar

Alternative Prüfgrundlage: LPS 1175

LPS 1175 ist ein international etablierter Prüfstandard zur Bewertung der Einbruchhemmung von u.a. freistehenden Barrieren. Zahlreiche Produkte sind nach LPS 1175 zertifiziert und z. B. im RedBook gelistet.

Die beiden Normen EN 1627 und LPS 1175 verfolgen jedoch unterschiedliche Bewertungsansätze:

  • EN 1627 arbeitet mit einem eindimensionalen System:
    6 Widerstandsklassen (RC 1–6), definiert über feste Werkzeugsätze (A–E) und eine zugehörige Widerstandszeit.
  • LPS 1175 nutzt eine zweidimensionale Matrix:
    8 Bedrohungsstufen (A–H, basierend auf Werkzeugen) kombiniert mit 6 Verzögerungszeiten (1–20 Minuten) ergeben 48 mögliche Sicherheitsstufen (z. B. A1, B3, C5).

Ein direkter Vergleich zwischen RC-Klassen und LPS-Ratings ist somit nicht normativ definiert und inhaltlich nicht 1:1 möglich.

Übertragung durch sicherheitslogische Bewertung

Ein vergleichender Abgleich der Werkzeugsätze unter Berücksichtigung der grundsätzlich verschiedenen Prüfmethodik ermöglicht jedoch eine fundierte, orientierende Zuordnung.

  • LPS 1175 basiert auf praxisnäheren Testszenarien:
    Massive, rücksichtslos ausgeführte Angriffe ohne Rücksicht auf Lärm oder Entdeckungsrisiko stellen höhere Anforderungen an das geprüfte Produkt.
  • Daher kann ein kurzer Angriff in LPS 1175 sicherheitstechnisch einem längeren Test nach EN 1627 entsprechen:
    Ein LPS-Rating A1 (1 Minute) kann dem Schutzniveau von RC 2 (3 Minuten) entsprechen.

Empfehlung zur Umsetzung

Da freistehende Barrieren wie Zäune, Drehkreuze oder Schranken nicht nach EN 1627 geprüft und zertifiziert werden können, empfiehlt sich als praxisorientierter Lösungsweg der Rückgriff auf LPS 1175-zertifizierte Systeme. Die folgende Zuordnung hat sich in der Sicherheitsplanung bewährt, da sie sowohl die eingesetzten Werkzeugsätze als auch die Angriffsmethodik berücksichtigt:

  • RC 2 → LPS 1175 Security Rating A1
    (Basisabsicherung: geringe Werkzeugausstattung, kurze Angriffszeit)
  • RC 3 → Security Rating B3 oder B5
    (mittlerer Schutzbedarf: erweiterter Werkzeugsatz, längere Einbruchdauer)
  • RC 4 → Security Rating C5
    (hoher Schutzbedarf: schweres Werkzeug, aktive Angriffszeit ≥ 5 Minuten)

Hinweis:
Die Entscheidung für ein bestimmtes LPS-Rating als Ersatz für eine RC-Klasse sollte stets dokumentiert, fachlich begründet und im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung oder Schutzbedarfsanalyse nachvollziehbar abgeleitet werden.

Fazit: Praxisgerechte Lösungen trotz Normenlücke

Die Normenreihe EN 50600 bietet eine klare Struktur für die physische Sicherheit von Rechenzentren inklusive definierter Schutzklassen. Die praktische Umsetzung, insbesondere im Bereich der Außenbegrenzung durch freistehende Barrieren, erfordert jedoch Interpretationsspielräume und fachliche Ableitung.
Der Einsatz LPS 1175-zertifizierter Systeme, kombiniert mit fundierter sicherheitslogischer Bewertung, hat sich als zielführende und praxisgerechte Strategie etabliert.

🧩 Zwischen Norm und Realität